Samstag, 6. November 2010

Was dich nicht umbringt...

Die Redewendung, die ich mir als nächstes vorgenommen habe, lässt sich ganz schnell abhandeln, weil ich nur ein kurzes Beispiel zur Veranschaulichung ihrer Falschheit brauche.

„Was dich nicht umbringt, macht dich stärker.“

FALSCH. Dieses Sprichwort wird gern in Situationen benutzt, in denen man zwar leidet, die aber eben auch nicht so schlimm sind, als dass man an ihnen elendig zugrunde gehen und sterben würde. Nun stellt sich die Frage: Wird man tatsächlich jedes Mal stärker, wenn man Leid überlebt? Baut es mich innerlich auf, wenn mir etwas Schlimmes zustößt, ich daran aber nicht sterbe? NEIN.

Hier ist der Beweis: Seit einem Jahr lebe ich im Ruhrgebiet, genauer gesagt in Bochum. Bochum ist nicht so schlimm wie Dortmund (Dortmund ist ohne jeden Zweifel die asozialste Stadt der Welt. Oder Europas. Zumindest aber Deutschlands). Aber auch Bochum ist kein Ort der Freude, der Sonne und der Schmetterlinge. Tag für Tag muss ich Mädchen mit weißen Stiefeln sehen. Und Jungs mit weißen Lederjacken – im Pott das männliche Pendant zu weißen Stiefeln. Und Männer mit Schnauzbart im Gesicht, Vokuhila auf dem Kopf, den Körper komplett in Jeans eingekleidet (Jeans-Hose, Jeans-Hemd, Jeans-Jacke und, wenn es draußen mal frisch ist, eine Jeans-Weste über der Jeans-Jacke), die diesen Look völlig ernst meinen. Und Frauen in viel zu engen Ed-Hardy-Shirts, auch sie erstaunlich oft mit Vokuhila, auch sie erschreckend oft mit Bart, und mit winzig-kleinen Hunden an strassbesetzten Leinen oder in strassbesetzten Handtaschen. Ich höre Sätze, deren Grammatik und Syntax so falsch sind, dass es anatomisch gar nicht möglich sein dürfte, sie auszusprechen. Ich bin in Bus und U-Bahn gezwungen, mir Gespräche anzuhören, die so unglaublich dumm sind, dass sie mich vollends am Sinn der menschlichen Existenz zweifeln lassen. Und letztens wurde ich von sehr lauten, sehr pubertierenden Jugendlichen in der U-Bahn-Station grundlos ausgelacht und angeschrien. Ich leide also täglich unter der Dummheit und der Hässlichkeit vieler Bochumer und anderer Pottbewohner. Und? Macht mich das stärker?

Nein. Es bringt mich natürlich auch nicht um. Aber irgendwann bringt es vielleicht einen Bochumer um. Denn ich bin mir ziemlich sicher: Irgendwann bin ich so weit, dass ich den nächsten dahergelaufenen, unfassbar dämlichen und dazu auch noch hässlichen, meine Augen und jeglichen Sinn für Geschmack und Stil beleidigenden, ungebildeten und überflüssigen Idioten körperlich angreife. Was dich nicht umbringt, macht dich stärker? Lüge. Es müsste heißen: Was dich nicht umbringt, bringt vielleicht bald schon jemand Anderen um.


PS: Es mag im vorangegangenen Text vielleicht anders klingen, aber eigentlich mag ich Bochum sehr. Natürlich treiben mich einige Bewohner der Stadt regelmäßig an den Rand der Verzweiflung (s.o.), aber ich lebe trotzdem gern in Bochum, weil die Stadt einfach echt ist. Hat ja auch nie jemand gesagt, Bochum wäre so elegant wie Paris oder so cool wie London...


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